Offener Brief – Tolino Shine [+Nachtrag]

Dieser Text ist bereits 7 Jahren alt, bitte berücksichtigen!

Sehr geehrte Entscheider bei Thalia, Weltbild, Hugendubel, Bertelsmann und Telekom,

als Privatperson und Verleger für digitale Medien muss ich ihnen leider diesen (offenen) Brief schreiben.

Mit kleinem Tamtam wurde ihre Zusammenarbeit vor einigen Tagen auf einer Pressekonferenz vorgestellt. Sie wollten Amazon und Apple die Stirn bieten. Als deutscher Verleger habe ich mich sehr darauf gefreut, denn Konkurrenz belebt das Geschäft.

Als erstes sichtbares Kind dieser Zusammenarbeit steht ein eigener E-Book-Reader, der Tolino Shine, in den Startlöchern.

Ich teste viele Geräte, von teuer bis billig, von klein bis groß, und immer in den verschiedensten Formaten, um für meine Kunden die optimalen gemeinsamen Nenner zu finden. Der Tolino Shine ist nur Mittelmaß. Privat werde ich ihn aller Voraussicht nach nicht nutzen.

Als Verleger bin ich auf gute, funktionierende und ergonomische Hardware angewiesen, da ich sonst, wie häufig passiert, Ansprechpartner für verärgerte Kunden bin, die die Schuld erst einmal beim Verleger sehen. Dann muss ich Support leisten für die Fehler der Hersteller.

Hier nun meine Kritikpunkte am Tolino Shine:

  • Es gibt weder Tasten zum Blättern noch eine Zurück-Taste. Schade. Tasten sparen, damit das Design ja wie beim iPad aussieht? Warum? Allein schon, dass die Blättern-Tasten fehlen, ist als würde man ein Auto ohne Handschuhfach anbieten. Klar, kann man machen. Aber warum?
  • Links sind nicht klickbar – was soll jetzt mit meinen interaktiven E-Books passieren? Mein Märchenbuch (übrigens ein Top 10 Bestseller über mehrere Monate bei Amazon, iTunes, Google Play und den meisten anderen Shops) besitzt Sprungmarken, um leichter navigieren zu können. Meine kommentierten E-Books haben dutzende von Fußnoten – alle nicht nutzbar mit dem Tolino. Der Kindle kann es, iPod/iPad auch, Sony ebenfalls, Adobe Digital Editions und alle Lese-Apps für PC und Apple sowieso, nach einem Update sogar der Kobo-Reader. Das ist Epub-Standard. Der Tolino kann es (noch?) nicht. Warum nicht?
  • Textstellen lassen sich nicht markieren. Ein Standard-Feature besonders bei berührungsempfindlichen Geräten. Vergessen oder war keine Zeit dafür?
  • Bilder sind nicht zoombar. Das muss ich gar nicht kommentieren!
  • Leseproben aus dem Shop sind meist unbrauchbar, da sie entweder bereits nach dem Impressum enden (Haha, guter Witz!) oder erst gar nicht vorhanden sind. Ich wollte mir eigentlich ein E-Book zum Einstand kaufen. Aber ohne Leseprobe? Amazon hat für ALLE E-Books Leseproben zum Herunterladen. Das ist so, als würden man im stationären Buchhandel nur noch verschweißte Bücher verkaufen wollen. Klar, kann man machen. Aber ist es klug?

Die Branche ist schnelllebig, aber zumindest den Status quo des technisch Möglichen in dieser Preisspanne hätten Sie einhalten müssen.

Und ob das Gerät jetzt „irgendwie Open“ ist oder auch eine „Cloud hat“, interessiert mich als Verleger überhaupt nicht. Glauben Sie etwa, dass der normale Leser, der (verständlicherweise) einfach „nur“ lesen möchte und wenig technikaffin ist, sich dafür interessiert? Das ist ein Thema, das den Großteil der schweigenden Konsumenten überhaupt nicht berührt, weil sie es überhaupt nicht verstehen. Jeff Bezos und Steve Jobs haben das erkannt. Sie offensichtlich nicht.

Ihnen scheint nicht klar zu sein, wie wichtig die Qualität eines E-Readers für ihren eigenen Erfolg sein wird. Denn Käufer werden so nur einmal (eventuell sogar gar nicht) ein E-Book erwerben und dann wieder zum Papierbuch wechseln oder einem Konkurrenzprodukt. Ist das ihr Ziel? Käufer sollen zum Kauf verführt werden. Der Tolino verführt mich nur zum Weglegen.

Es ist ganz offensichtlich, dass hier jemand eine Service-Geräte-Kombination abgenickt hat, der noch niemals ein E-Book gelesen hat. Es ist völlig unmöglich, dass beispielsweise jemand seinen 2 Jahre alten Kindle Keyboard gegen dieses Gerät freiwillig eintauschen würde.

Meine Damen und Herren, das war kein großer Wurf. Ich werde dieses Gerät niemandem empfehlen. Ich hoffe in unserer aller Interesse, dass sie möglichst bald ein Update der Software liefern.

Jürgen Schulze

Null Papier Verlag


[Nachtrag]

Lassen Sie mich einiges richtig stellen.

  1. Ich arbeite weder für Amazon noch bekomme ich von Amazon einen Bonus für meine Meinung. Mein einziges Ziel, ist meinen Kunden die optimale Lesefreude zu verschaffen. Ich habe hier über ein Dutzend Lesegeräte. Und daher kann ich ganz klar die Aussage treffen: Der 2 Jahre alte Amazon Kindle Keyboard bietet für mich die beste Kombination aus Lesen und Einkaufen; übrigens knapp vor dem Sony PRS-T2, bei dem mir die Blätterntasten nicht genügen. Ich stimme nicht in das zur Zeit aktuelle Amazon-Bashing ein, da ich es als zutiefst scheinheilig empfinde. Außerdem bin ich, wie meinem Brief zu entnehmen ist, davon überzeugt, dass die große, stumme Mehrheit sich für Epub vs. Kindle oder Open vs. Close überhaupt nicht interessiert.
  2. Führe ich eine kommerzielle Verlagsseite und keinen Diskussionsblog. Und selbstverständlich ist mein Beitrag tendenziell, spiegelt er doch meine Meinung wieder. Wer will mir das verbieten? Sie können ihren Beitrag zur Diskussion z.B. hier hinterlassen: http://www.lesen.net/ereader/tolino-shine-im-test-video-6105/
  3. Es dürfte doch meinem offenen Brief eindeutig zu entnehmen sein: Ich habe mich auf den Tolino und auf eine starke Konkurrenz zu Amazon sehr gefreut. Umso enttäuschter bin ich jetzt.
  4. Ich verkaufe alle meine E-Books zum gleichen Preis in allen wichtigen Formaten (Kindle, Epub, PDF). Daher ist es mir völlig egal, welchen Reader bzw. welchen Shop meine Kunden nutzen. Nicht egal ist es mir, wenn bspw. wegen mangelhafter Software Bilder gestaucht werden oder Inhaltsverzeichnisse nicht funktionieren. Die Fehlerliste ist schon beträchtlich lang. Denn diese Fehler fallen leider – wie ich aus Zuschriften erfahre – auf mich zurück und nicht auf den Tolino oder die Tolino-Partner. Nehmen Sie als Beispiel meine „Grimms Märchen“. Dieses E-Book liegt in 6. Auflage vor, es war das meistverkaufte E-Book bei Amazon 2011; 2012 war es in allen wichtigen deutschen Shops zeitweise mehrere Wochen in den Top 10. Auf Google Play war es sogar ein halbes Jahr auf Platz 1. Ich habe in dieses Buch hunderte von Stunden investiert. Es kostet nur 99 Cent. Auf dem Tolino lässt es sich nicht nutzen, da die Inhaltsverzeichnisse nicht richtig funktionieren. Und das ist leider nur ein Beispiel.

Der massive Werbeeinsatz im TV zusammen mit dem unausgereiften Produkt und dem unausgereiften Service hinterlässt verbrannte Erde. Käufer des Tolino werden auf lange Zeit für mich verloren sein; auch eine Methode, einen Markt zu zerstören.

Sie sehen, im Grunde war mein offener Brief viel zu harmlos. Das Gerät hätte ein Steve Jobs (Nein, ich bin kein Apple Fan) nicht einmal mit der Kneifzange angefasst.