Beschreibung
Marquis de Sades Justine ist ein Roman voller Widersprüche, Provokation und unerschütterlicher Neugier auf die Abgründe der menschlichen Natur. In einer Gesellschaft, die Tugend predigt und Laster heimlich belohnt, folgt die Erzählung der jungen Justine einem Pfad aus Prüfungen, Erniedrigungen und unerbittlichen Versuchungen. Der Text fordert den Leser heraus: Wem schenken Sie Ihr Mitgefühl, wenn Moral zur Falle wird, und welche Macht besitzt das Prinzip der Tugend, wenn es nur Unglück bringt?
De Sade schildert die Schicksale zweier Schwestern, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Juliette sucht ihr Glück, indem sie den konventionellen Regeln den Rücken kehrt und dadurch Reichtum und soziale Sicherheit erlangt; Justine hingegen klammert sich an Moral und Gewissen und wird dafür in einer Welt bestraft, die ihre Güte als Naivität auslegt. Diese Gegenüberstellung wirft Fragen auf, die weit über die Figuren hinausreichen: Wie bestimmt die Gesellschaft den Wert eines Lebens, und welche Rolle spielen Macht, Heuchelei und Vergeltung in den Entscheidungen der Menschen?
Ohne zu moralisieren, dringt der Roman in die dunkelsten Winkel von Schuld und Unschuld vor. De Sade nutzt scharfe Beobachtungen, beißenden Sarkasmus und schonungslose Schilderungen, um die Masken der Tugend zu entblößen und den Leser zu verunsichern. Dieses Buch ist weniger ein Lehrstück als eine provokative Einladung, die eigenen Gewissheiten zu hinterfragen und zu erleben, wie fragile moralische Kategorien unter Druck zerbrechen. Wer bereit ist, sich auf diese literarische Konfrontation einzulassen, begegnet einer Erzählung, die lange nachhallt und die Vorstellung von Tugend und Laster in ein neues Licht rückt.
ISBN 978-3-943466-07-2 (Mobi), 978-3-943466-78-2 (Epub), 978-3-943466-79-9 (PDF)Juliette und Justine, beide Töchter eines sehr reichen Pariser Banquiers, wurden bis zu ihrem vierzehnten, beziehungsweise fünfzehnten Lebensjahr in einem der berühmtesten Stifte von Paris erzogen. Dort wurde ihnen kein Ratschlag, kein Buch, keine Unterweisung vorbehalten, und sowohl die Sittlichkeit, wie die Religion und die freien Begabungen schienen jedes der jungen Mädchen für sich ausgebildet zu haben.
Zu dieser für die Tugend der beiden jungen Mädchen sehr bedrohlichen Zeit kam es, daß ihnen eines Tages plötzlich Alles fehlte. Ein vollständiger Bankerott brachte ihren Vater in eine so peinvolle Lage, daß er an dem Kummer starb. Seine Frau folgte ihm einige Monate nachher nach.
Zwei gleichgültige entfernte Verwandte berieten, was mit den jungen Waisen geschehen sollte. Ihre Erbschaft betrug, da Alles von den Gläubigern verschlungen worden war, 100 Taler für jede. Da sich niemand um sie weiter kümmern wollte, öffnete man ihnen die Pforten des Klosters und ließ ihnen die Wahl, zu werden, was sie wollten.
Die lebhafte, sehr hübsche, eitle und verdorbene ältere Juliette schien nur erfreut zu sein, nicht mehr in einem Kloster vegetieren zu müssen, ohne an die Ursachen zu denken, während die harmlosere, interessantere, vierzehnjährige Justine, die von der Natur einen düsteren und romantischen Charakter erhalten hatte, mehr das Furchtbare ihres Geschickes empfand.
Dieses junge, so vielseitig begabte Mädchen besaß die Schönheit jener wundervollen Jungfrauen Raphaels. Große braune, seelenvolle Augen, eine weiche, schmelzartige Hand, eine zarte und biegsame Taille, runde und von der Liebesgöttin selbst gezeichnete Formen, eine bezaubernde Stimme und neben einem entzückenden Munde waren die schönsten Haare der Welt ihr eigen, deren Reize weit über dem standen, was die Feder leblos beschreiben kann.









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