Karl May bei Null Papier

Karl May bei Null Papier

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Eine neue Reihe erblickt das Licht der literarischen Welt.

Grundlage dieser Reihe „Vergleichende Ausgaben“ sind verschiedene Veröffentlichungen Karl Mays, die noch zu seinen Lebzeiten erschienen sind.

Lange hat es mich schon gereizt, mich der Werke Mays anzunehmen. Nicht nur, um dem Wildwuchs der verschiedensten digitalen Kopien von Kopien etwas entgegenzusetzen, sondern auch um den geneigten Leser einen einführenden Vergleich der verschiedenen Veröffentlichungen zu bieten.

Ich hoffe, ich kann diesem hohen Anspruch – auch unter den scharfen Blicken der May-Kenner – zumindest ansatzweise gerecht werden.

Alt gegen Neu

Bei alten Texten hat mich schon immer gestört, wie sich Verleger oder Übersetzer sich ihrer bemächtigten und je nach Gusto und politischer Großwetterlage einzelne Sätze oder gleich ganze Kapitel veränderten, anpassten oder strichen. Die Beispiele in der Literatur sind mannigfaltig: Von schlecht übersetzten Redewendungen bis hin zu politisch unkorrekten Bezeichnungen, so manches fiel und fällt der Willkür, der „Schere im Kopf“ zum Opfer.

Das fängt beim Deutschen Reich an, das in den alten Sherlock-Holmes-Übersetzungen niemals für den Ersten Weltkrieg herhalten musste, und geht bis zum Verdacht des Rassismus bei der großartigen und liebenswerten Astrid Lindgren und ihrem Negerkönig.

Als passendes Beispiel sei auch die katholische Greisin in Mays „Durchs wilde Kurdistan“ genannt, die in jüngeren Veröffentlichungen auf einmal zu einer schönen Frau mutiert – kein Wort mehr von ihrer Religion oder ihrem Alter.

Jede Zeit kennt ihre Wahrheiten. Und so nachvollziehbar eine nachträgliche Wortkosmetik sein mag, so sehr müssen Verleger bei der Wahrheit bleiben. Und die verlegerische Wahrheit liegt nun einmal in der Veröffentlichung der Originale, der Texte, die vom Autor kamen und von ihm abgesegnet wurden.

Im Falle von May mag das nicht einfach sein, da seine Texte auch zu Lebzeiten mehrfach bearbeitet wurden; vielfach auch mit Einwilligung des Autors selbst. Daher habe ich mich bewusst auf die Veröffentlichungen konzentriert, die noch vor 1910 erschienen sind.

Wenn Sätze oder ganze Passagen nachträglich entfernt oder hinzugefügt worden sind (auch das hat es gegeben), habe ich das in Fußnoten kommentiert. Sollte ein Wort heutzutage nicht mehr bekannt sein, so habe ich es belassen und ebenfalls in einer Fußnote erklärt. Sie können aber auch die Anmerkungen komplett ignorieren und den Text einfach lesen und genießen.

Viele der aktuellen digitalen Veröffentlichung kranken an mangelhafter Qualität: Es gibt übersehene Worttrennungen, fehlende Fußnoten, verschluckte Absätze, sinnentstellende Buchstabendreher oder gleich komplett „vergessene“ Passagen. Dieser Probleme habe ich mich hoffentlich wirksam angenommen.

Bei meiner Arbeit habe ich versucht, einen Ausgleich zwischen aktueller Rechtschreibung und altem „Zungenschlag“ herzustellen. Ich denke, dass man heutzutage getrost „Telegrafenbüro“ statt „Telegraphenbureau“ schreiben darf, ohne am originären Sinn des Wortes zu kratzen. Mein Ziel war es, eine angenehm lesbare Fassung zu schaffen. Für Leute, die gerne lesen und mit dem „alten“ Deutsch noch tiefer in die Atmosphäre der Geschichte eintauchen wollen, ohne dabei über vermutete Rechtschreibfehler zu stolpern.

May und seine Zeit

May war und ist einer der erfolgreichsten Schriftsteller deutscher Sprache. Generationen von Leser haben ihn für sich entdeckt, egal, wie stark und aus welchen Gründen er immer wieder von Tugendwächtern oder besorgten Eltern in die literarische Schmuddelecke gedrängt wurde.

Es gibt wohl keinen Deutschen, der seine Figuren nicht kennt: Winnetou oder Hadschi Halef Omar, Old Shatterhand oder Kara Ben Nemsi. Viele werden sogar die Namen der Pferde oder der Waffen der Protagonisten kennen. Nicht zuletzt die farbenprächtigen Filme der 1960er Jahre haben Mays Figuren auch eine kinematografische Untersterblichkeit verpasst – sollte das jemals notwendig gewesen sein. Und wo sonst hätte ein Franzose einen amerikanischen Ureinwohner, ein Amerikaner einen deutschen Abenteurer und ein Berliner einen Orientalen spielen können?

Zu einer Zeit, als es noch keinen organisierten Massentourismus und kein Internet gab, brachte May dem Leser die weite Welt bis vor die Haustür oder unter die verbergende Bettdecke. Seine Texte prägten, ob gerechtfertigt oder nicht, die Vorstellung des Wilden Westens und des Orients für Generationen.

Am besten, Sie, lieber Leser, liebe Leserin, fühlen sich einfach nur gut unterhalten.

Durch die Wüste

Dieser Band bildet den Auftakt zum sechsbändigen „Orientzyklus“.

nicht bewertet 4,99 
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2 Antworten

  1. Hartmut Schilling
    | Antworten

    Hallo Herr Schulze,

    Sie haben bislang immer mit preiswerten Angeboten geworben, etwa um 1 € herum. Dabei habe ich mich schon oft gefragt, wie sich das wirtschaftlich darstellt.

    Nun kostet der (möglichst originalgetreue) erste Band von Karl May aber 4,99 €, was natürlich ein ganz schöner Sprung zum bisherigen Ansatz ist. Das liegt gewiß an Ihren intensiven Vorarbeiten, die Sie geschildert haben. Gibt es nicht doch eine Originalausgabe, die man etwa im Karl-May-Museum in Radebeul besichtigen kann und auf die Sie sich beziehen könnten, oder hängt 1910 einfach damit zusammen, daß der Zeitpunkt kurz vor Mays Tod liegt und Sie somit den zu seinen Lebzeiten aktuellsten Stand konservieren wollten?

    Ansonsten reicht leider meine Zeit nicht, um all das lesen zu können, was ich „eigentlich“ gern lesen möchte…

    Weiterhin alles Gute! Und danke für Ihr Engagement in Sachen Bücher!

    Mit freundlichen Grüßen
    Hartmut Schilling

    • Annedore
      | Antworten

      Also, ich finde den Preis schon gerechtfertig.
      Wenn ich an die Bücher aus meiner Kindheit (Erbe meines Vaters) denke, dann waren das schon immer dicke Wälzer, also viel Lesestoff
      Und wir reden ja hier nicht von Gratis-Telefonbüchern sondern von Literatur.

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