Vom Winde verweht oder Von der Schwierigkeit der neuen Übersetzung

Vergangen im Wind

Vergangen im Wind

Scarlett O’Hara kämpft im amerikanischen Bürgerkrieg um Tara, Wohlstand und Liebe. Margaret Mitchells weltberühmter Südstaatenroman in vollständiger Neuübersetzung.

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Es gibt Bücher, die man übersetzt. Und es gibt Bücher, bei denen man sich mit jedem zweiten Satz in ein Minenfeld begibt.

Gone with the Wind gehört zur zweiten Sorte.

Man kann Margaret Mitchells Roman als große Liebesgeschichte lesen: Scarlett O’Hara, Rhett Butler, Tara, Krieg, Untergang und Neubeginn. Man kann ihn ebenso als problematisches Zeugnis einer rassistischen Geschichtserzählung betrachten. Beides ist richtig – und beides allein greift zu kurz.

Genau darin liegt die Schwierigkeit einer neuen Übersetzung.

Eine Übersetzung ist keine nachträgliche Erziehungsmaßnahme. Sie ist aber auch keine bloße Übertragung von Wörtern. Jeder Satz verlangt Entscheidungen: Was klingt hart, komisch, zärtlich oder beleidigend? Wie historisch darf die Sprache wirken, ohne künstlich verstaubt zu klingen? Und wie modern darf sie sein, ohne Scarlett und Rhett plötzlich ins 21. Jahrhundert zu versetzen?

Margaret Mitchell schrieb ihren Roman in den 1920er- und 1930er-Jahren über eine Welt der 1860er-Jahre. Ihr Stil ist dabei keineswegs so feierlich und schwülstig, wie man nach den berühmten Bildern der Verfilmung vermuten könnte. Ihre Prosa ist oft schnell, trocken und überraschend bissig. Eine moderne Übersetzung sollte deshalb weder künstliches Historien-Deutsch produzieren noch aus den Figuren heutige Menschen mit heutiger Sprache machen.

Noch schwieriger wird es beim Umgang mit Rassismus.

Der Roman betrachtet Bürgerkrieg und Reconstruction weitgehend aus der Perspektive der weißen Pflanzerklasse. Sklaverei erscheint häufig als selbstverständlicher Bestandteil dieser Ordnung. Schwarze Figuren bekommen zwar Persönlichkeit, Würde und teilweise große erzählerische Präsenz – bleiben aber meist auf ihre Beziehung zu den weißen Hauptfiguren beschränkt.

Eine heutige Übersetzung könnte versucht sein, belastete Begriffe zu neutralisieren. Doch damit würde man den Roman moralisch verbessern. Figuren würden aufgeklärter wirken, als sie sind, und die Erzählstimme gerechter, als sie tatsächlich ist.

Die gegenteilige Lösung – historische Begriffe mechanisch Wort für Wort nachzubauen – funktioniert ebenfalls nicht. Wörter verändern ihre Bedeutung und ihre Härte. Was 1936 gewöhnlich klang, kann heute wie eine gezielte Beleidigung wirken.

Mein Ziel war deshalb weder sprachliche Reinigung noch künstliche Verschärfung. Die Haltung der Figuren muss erkennbar bleiben. Ebenso die Vorurteile der Erzählung. Gleichzeitig darf Dialekt nicht mit Dummheit verwechselt werden. Gerade die Sprache der schwarzen Figuren wurde in älteren Übersetzungen häufig zu einem grammatisch gebrochenen Radebrechen gemacht. Dialekt ist jedoch keine defekte Sprache.

Auch der Roman selbst ist widersprüchlicher, als sein Ruf vermuten lässt. Er verklärt wesentliche Teile der alten Südstaatenordnung und übernimmt Elemente der sogenannten Lost-Cause-Legende. Gleichzeitig zerlegt er die Kriegsbegeisterung, den Ehrenkult und die Lebensuntüchtigkeit vieler Vertreter dieser Gesellschaft mit erstaunlicher Schärfe.

Vor allem Scarlett passt schlecht in die romantische Vorstellung des alten Südens. Sie arbeitet, handelt, lügt, führt ein Unternehmen und ignoriert zahlreiche Regeln, die für Frauen ihrer Gesellschaft gelten. Sie ist keine moderne feministische Heldin und schon gar keine moralische Vorbildfigur. Aber gerade ihre Widersprüche machen sie bis heute interessant.

Warum also noch eine neue deutsche Übersetzung?

Weil Übersetzungen keine endgültigen Antworten sind. Jede Generation hört in einem Text etwas anders. Der eine Übersetzer bewahrt stärker den Rhythmus, der andere die historische Färbung, ein dritter den Witz. Manchmal lässt sich alles miteinander verbinden. Manchmal muss man sich entscheiden.

Mein Ziel war eine vollständige, flüssige und möglichst ungekünstelte deutsche Fassung. Mitchell sollte weder in ein feierliches Kostüm gesteckt noch sprachlich in unsere Gegenwart versetzt werden. Ihre Komik sollte komisch bleiben, ihre Grausamkeit grausam und ihre Widersprüche sichtbar.

Diese Übersetzung will Margaret Mitchell weder retten noch bestrafen. Sie will ermöglichen, ihr tatsächlich zu begegnen.

Denn historische Literatur muss nicht von ihren Flecken gereinigt werden.

Man muss nur das Licht so einstellen, dass man sie sehen kann.

Vergangen im Wind

Vergangen im Wind

Scarlett O’Hara kämpft im amerikanischen Bürgerkrieg um Tara, Wohlstand und Liebe. Margaret Mitchells weltberühmter Südstaatenroman in vollständiger Neuübersetzung.

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