Heinrich Mann: der vergessene Bruder?

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„Mehr als nur der ‚Blaue Engel‘“, tönt es aus dem Verlagsprogramm des fleißigen Herrn Schulze. Nun ja, das zu behaupten ist nicht schwer, denn welcher Schatten könnte je dunkler sein als der, den der Filmklassiker von Josef von Sternberg auf das schriftstellerische Werk Heinrich Manns geworfen hat? Fast möchte man sagen: Armes Schwein! Verdammt dazu, ewig mit Marlene Dietrichs laszivem Blick und Emil Jannings’ kläglicher Lächerlichkeit in Verbindung gebracht zu werden. Doch halt! Verdient Heinrich Mann, der ältere Bruder des Zauberers aus Lübeck, nicht mehr als diese schmalbrüstige Erinnerung?

Die Quellen, die Herr Schulze uns hier präsentiert, geben Anlass zur Hoffnung. Ja, da ist er, der „Professor Unrat“, mit all seiner tragikomischen Spießbürgerlichkeit, fein säuberlich in den digitalen Katalog des Null Papier Verlags einsortiert. Aber daneben, fast verschämt, finden sich auch andere Titel: „Der Untertan“, Heinrich Manns satirisches Meisterwerk über den deutschen Untertanengeist, und „Zwischen den Rassen“, sein erster Roman, der die korrupte Gesellschaft des Kaiserreichs anprangert.

Und dann sind da noch die Novellen! „Pippo Spano“, „Fulvia“, „Drei-Minuten-Roman“, „Ein Gang vors Tor“ – Namen, die nach vergessenen Welten klingen, nach literarischen Abenteuern, die es wiederzuentdecken gilt. „Mnais“, „Ginevra degli Amieri“, „Die Tote“, „Der Bruder“, „Die Verjagten“ – die Titel reihen sich aneinander wie Perlen auf einer Kette, versprechen Einblicke in die menschliche Seele, in die Abgründe der Geschichte, in die Schönheit und die Grausamkeit des Lebens.

Heinrich Mann, der politische Schriftsteller, der scharfe Kritiker der wilhelminischen Gesellschaft und des aufkommenden Nationalsozialismus, der unermüdliche Kämpfer für eine gerechtere Welt – auch diese Facetten seines Lebens und Werks blitzen in den Quellen auf. Sein Exilroman „Der Atem“, seine Rückkehr nach Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg, sein Engagement für den Wiederaufbau des kulturellen Lebens – all das erinnert uns daran, dass Heinrich Mann mehr war als nur der Autor des „Blauen Engels“.

Ob Herr Schulze mit seinem ambitionierten Verlagsprogramm wirklich gelingt, Heinrich Mann aus dem Schatten seines Bruders und der verführerischen Marlene Dietrich zu befreien, bleibt abzuwarten. Doch allein der Versuch ist es wert, beachtet zu werden.

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